Schielen („Strabismus“)

 

Strabismus ist der Fachbegriff für das, was wir umgangssprachlich als „Schielen“ bezeichnen. Was Kinder oft zum Spaß ausprobieren, kann auch eine Fehlausrichtung der Augenachsen sein, die mit Sehstörungen einhergeht. Strabismus kann gut behandelt werden, wenn er früh erkannt wird.

Was ist Strabismus?

Strabismus ist eine Gleichgewichtsstörung der Augenmuskeln. Diese bewirkt, dass die Sehachsen der Augen nicht korrekt zueinander ausgerichtet werden. Das bedeutet, die Augen bewegen sich nicht exakt in die gleiche Richtung. Zum Teil ist das Schielen äußerlich sichtbar, in manchen Fällen wird es jedoch nur aufgrund der resultierenden Sehstörungen bemerkt: Die schielenden Augen können dreidimensionale Bilder nicht korrekt erzeugen, wodurch das räumliche Sehen stark eingeschränkt oder unmöglich wird.

Welche Formen des Strabismus gibt es?

Grundsätzlich weicht beim Strabismus die Blickrichtung eines Auges von der des anderen ab. Während ein Auge ein Objekt genau fokussiert, bewegt sich das andere Auge:

  • nach innen (Esotropie)
  • nach außen (Exotropie)
  • nach oben (Hypertropie)
  • nach unten (Hypotropie)
  • rollend (Zyklotropie)

Diese Formen des Strabismus zeigen sich konstant oder auch nur zeitweise. Ebenso kann immer das gleiche Auge betroffen sein oder die Augen können abwechselnd schielen. 

Latentes Schielen

Latentes Schielen wird mit dem Fachbegriff „Heterophorie“ bezeichnet. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet in etwa „verschiedenartiges Getragenwerden“. Die meisten Menschen – etwa 70 bis 80 % – sind von einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Heterophorie, also von ganz leicht schielenden Augen, betroffen. Das latente Schielen ist eine gewöhnliche Abweichung von der Idealform. In der Regel können Augen und Gehirn die Abweichungen beim latenten Schielen ohne jegliche Beschwerden ausgleichen – die betroffene Person merkt nichts davon.

Begleitschielen

Beim Begleitschielen gibt ein Auge die Richtung vor und das andere Auge passt sich dieser Richtung an. Während die Blickrichtung also stimmt, bleibt dennoch ein Schielwinkel bestehen, der das räumliche Sehen verhindert. Auch die Sehschärfe kann beim Begleitschielen eingeschränkt sein. Das Begleitschielen tritt häufig bei Kindern auf.

Lähmungsschielen

Das Lähmungsschielen tritt auf, weil ein Muskel oder ein Nerv in der Augenmuskulatur nicht mehr richtig arbeitet. Dadurch kann das betroffene Auge sich nicht mehr oder nur noch teilweise bewegen. Vom Lähmungsschielen sind nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene betroffen. Meist sind Doppelbilder und/oder eine eingeschränkte räumliche Wahrnehmung die Folge.

Lähmungsschielen

Babys schielen häufig. Das liegt daran, dass die Sehkraft noch nicht voll entwickelt ist – das Gehirn „lernt“ noch. Allerdings sollte das Schielen beim Baby nach einiger Zeit von selbst verschwinden. Ist das nicht der Fall, liegt ein Strabismus vor, der behandelt werden muss.

Vor dem dritten Lebensjahr sind 3 bis 4 % aller Kinder von Strabismus betroffen. Je früher dieser behandelt wird, desto besser wirkt sich das auf die Sehkraft des Kindes für sein gesamtes weiteres Leben aus. Der Grund: Das Gehirn deutet die Signale des schielenden Auges als fehlerhaft und unterdrückt sie daher. Das schielende Auge wird also sozusagen „ausgeschaltet“. So kann das schielende Kind dennoch klar sehen und nimmt keine Doppelbilder wahr. Nur das räumliche Sehen ist beeinträchtigt.

Diese Schutzmaßnahme des Gehirns hat jedoch einen großen Nachteil: Das Auge, das schielt, ist nun nicht mehr aktiv und wird daher nicht mehr trainiert. So entsteht mit der Zeit eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie), die auch dann bestehen bleibt, wenn der Strabismus behoben wird. Diese Schwachsichtigkeit, auch als „Lazy-Eye-Syndrom“ bekannt, kann in der Regel auch mit einer Brille oder mit Kontaktlinsen nicht mehr korrigiert werden.

Daher ist es besonders wichtig, bei Kindern auf kleinste Anzeichen von Schielen zu achten und Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt wahrzunehmen. Wird der Strabismus im frühen Kindesalter erkannt, kann er noch gut behandelt werden, sodass eine Schwachsichtigkeit nicht entstehen muss.

Symptome des Strabismus

Das offensichtlichste Symptom des Strabismus ist die sichtbare Fehlstellung der Augen zueinander. Wenn ein so deutlicher Strabismus vorliegt, schaltet das Gehirn meist die Informationen des betroffenen Auges aus. Daher entstehen in diesem Fall auch keine Doppelbilder und auch andere Begleiterscheinungen wie Kopfschmerzen oder Anstrengung der Augen bleiben aus. Jedoch führt diese „Ausschaltung“ mit der Zeit zur Schwachsichtigkeit des Auges.

Anders verhält es sich beim Mikrostrabismus („Mikroschielen“). Hier ist die Fehlstellung nach außen hin kaum oder gar nicht sichtbar und wird daher meist auch erst spät erkannt. Da das Gehirn weiterhin die Informationen beider Augen verarbeitet, kommt es beim Mikrostrabismus häufig zu Doppelbildern, Kopfschmerzen, Schwindel etc. Auch Schwierigkeiten beim Lesen (besonders bei Kindern) können auf Mikrostrabismus hindeuten. Sicher kann dieser jedoch nur vom Augenarzt festgestellt werden.

Psychische Auswirkungen des Strabismus

Ist das Schielen nach außen hin sichtbar, ist diese Situation sowohl für Kinder als auch für Erwachsene meist sehr belastend. Die kosmetischen Aspekte wirken sich auf Selbstwert und Selbstvertrauen aus, außerdem ist der Blickkontakt mit anderen Menschen aufgrund der Fehlstellung der Augen eingeschränkt. Begleitend zur Behandlung des Strabismus kann in diesem Fall eine psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.

Wie entsteht Strabismus?

Jedes Auge wird von sechs Muskeln kontrolliert, die sowohl die Position als auch die Bewegung des Auges steuern. Diese Muskeln müssen bei beiden Augen koordiniert zusammenarbeiten. Was genau den Strabismus auslöst, ist nicht abschließend geklärt. Mitunter können die Augenmuskeln oder die Nerven, die diese Muskeln versorgen, beeinträchtigt sein. Aber auch Ursachen, die tiefer im Gehirn liegen, werden angenommen. Wahrscheinlich spielt die genetische Veranlagung eine Rolle.

Insbesondere bei Kindern kann eine starke Weitsichtigkeit den Strabismus auslösen: Das Kind versucht, durch Anstrengung der Augen die Fehlsichtigkeit zu kompensieren. Dieser Zustand wird als „akkommodierende Esotropie“ bezeichnet und ist häufig daran erkennbar, dass kleine Kinder nach außen schielen. Wird die Fehlsichtigkeit frühzeitig erkannt und korrigiert, verschwindet auch der Strabismus.

Tritt der Strabismus im Erwachsenenalter plötzlich auf, ist eine ärztliche Untersuchung dringend anzuraten. Denn dann können Nervenschäden, Tumore oder innere Blutungen die Ursache für das Schielen sein.

Wie lässt sich das Schielen behandeln?

Wenn, wie oben erwähnt, bei Kindern eine starke Fehlsichtigkeit die Ursache des Strabismus ist, genügt bereits die Korrektur dieser Fehlsichtigkeit mithilfe einer Brille oder mit Kontaktlinsen.

Liegt bei Kindern unabhängig von einer Fehlsichtigkeit ein Strabismus vor, zielt die Behandlung vor allem darauf ab, das schwächere Auge zu trainieren. Dazu werden die Augen abwechselnd überklebt, sodass das verbleibende Auge gezwungen wird, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. So wird der Schwachsichtigkeit – dem Lazy-Eye-Syndrom – vorgebeugt.

Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen kann eine OP den Schielwinkel korrigieren. Die Art, wie eine solche Operation durchgeführt wird, hängt jedoch von vielen Faktoren ab – unter anderem auch von der Form des Schielens. In manchen Fällen hilft auch das Tragen einer Prismenbrille, die Sehschärfe wiederherzustellen.

Jedoch bleibt häufig das Lazy-Eye-Syndrom zurück, wenn der Strabismus über lange Zeit unbehandelt bleibt. Es ist also wichtig, das Schielen zu behandeln, sobald es erkannt wird. Eine sichere Früherkennung ist nur mithilfe regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen möglich.