Die Geschichte der Brille: Vom Lesestein zum modischen Accessoire

 

Ob als lebensnotwendige Sehhilfe, vor Tageslicht schützende Sonnenbrille oder einfach nur als trendiges Accessoire: Brillen sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken! Die Entwicklung der Brille war eine der großen kulturellen Errungenschaften.

Fehlsichtigkeit im Altertum

Wenn wir an einer Sehschwäche leiden ist es für uns selbstverständlich, dass wir bei einem Optiker eine Brille bekommen, die perfekt auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Konkav geschliffene Gläser, welche als Sehhilfe dienten, wurden erstmals Mitte des 15. Jahrhunderts gefertigt. Doch Fehlsichtigkeiten sind keineswegs ein Phänomen der Neuzeit: Schon der römische Redner Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.) klagte über die Abnahme seines Sehvermögens im Alter und musste sich von seinen Sklaven vorlesen lassen. Durch Aufzeichnungen des römischen Schriftstellers Gajus Plinius (23-79 n.Chr.) ist bekannt, dass Kaiser Nero sich beim Betrachten der Gladiatorenkämpfe einen grünen Smaragd vor die Augen hielt. Mittlerweile vertritt man allerdings die Ansicht, dass dies nicht der Vergrößerung dienen sollte, sondern vor dem grellen Sonnenlicht schützte.

Die erste Sehhilfe

Bereits um 2000 v.Chr. wurden in Griechenland polierte Halbkugeln aus Quarz oder Glas gefertigt, mit denen sich Schrift vergrößern ließe. Jedoch wurden sie zu der Zeit nicht als Sehhilfe, sondern als Schmuck für Waffen und Kleidung verwendet. Erst der arabische Gelehrte Ibn al-Haitam (965-1039) brachte in seinem Werk „Schatz der Optik“ die Idee auf, die Augen durch geschliffene, optische Linsen zu unterstützen. Nach der Übersetzung ins Lateinische im Jahr 1240, werden die Erkenntnisse des Wissenschaftlers erstmals in Klöstern umgesetzt. Eine halbkugelförmige Linse aus Bergkristall und Quarz, der sogenannte Lesestein, wurde direkt auf die Schriften gelegt um diese zu vergrößern und half so den alterssichtig gewordenen Mönchen wieder zu lesen. Bereits hier hat der Name der heutigen Brille ihren Ursprung: Der Begriff leitet sich von dem Wort „Berylle“ ab, dem Namen der verwendeten Bergkristalle.

Entwicklung zum „Zweiglas“

Lange Zeit wurde das Geheimnis der Glasmacherkunst auf Murano, einer kleinen Insel nördlich von Italien, streng gehütet. Den Glasmachern war das Verlassen der Insel sogar mit Androhung der Todesstrafe verboten, damit die Rezeptur zur Herstellung des weißen Glases geheim bleiben konnte. Ende des 13. Jahrhunderts wurden dort erstmals zwei konvexe Linsen geschliffen, welche durch eine Niete miteinander verbunden wurden und mit einem Siel vor die Augen gehalten werden konnten – die Geburtsstunde des ersten Zweiglases: Der Nietbrille. Auch wenn sich die Herstellung nicht für immer geheim halten ließ, wurde die Anfertigung außerhalb Venedigs nur denjenigen gestattet, die sich an die Vorschriften der Glasmacher auf Murano hielten. So fand die Nietbrille Ende des 13. Jahrhunderts auch ihren Weg nach Deutschland. Sie bestand zu der Zeit aus Eisen, Holz oder Horn und galt als sehr wertvoll, weswegen sie Gelehrten und Adligen vorbehalten war. Im Laufe der Zeit begannen die Glasmacher die Linsen flacher zu schleifen und erreichten so ein größeres Sehfeld und setzten die Gläser in eine Fassung. Die Stiele der Nietbrille wurden durch einen Bogen ersetzt, weswegen die dadurch entstehende Bügelbrille unseren heutigen Brillen schon sehr nahekommt.

Der Buchdruck als treibende Kraft

Als im Jahr 1445 Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand, stieg die Nachfrage nach Lesehilfen zunehmend. Um die Brille nicht mehr mühsam vor das Gesicht halten zu müssen, entwickelten sich mit der Zeit viele verschiedene Varianten, um dies überflüssig zu machen. Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wurde die sogenannte Mützenbrille, eine einfache Befestigung der Brille an einer tiefsitzenden Mütze, verwendet. Im 16. Jahrhundert kam das Monokel als Weiterentwicklung des Lesesteins, in Mode. Zur gleichen Zeit entwickelte sich auch der populäre Zwicker, bei dem zwei Gläser mit einem Federbügel aus Eisen oder Kupfer verbunden wurde und mit einem kleinen Lederpolster auf die Nase gesetzt wurde. Trotz des Polsters war der Druck auf der Nase sehr unangenehm, weswegen Ende des 16. Jahrhunderts die Idee entstand, die Brille mit einem Faden hinter den Ohren zu befestigen. Diese sogenannte Fadenbrille wird teilweise auch heutzutage noch in Asien verwendet.

Die heutige Brille

Nach einer Entwicklung von fast 500 Jahren wurden Anfang des 18. Jahrhunderts die Brillenbügel entwickelt, wodurch die Brille wie wir sie heute kennen entstand. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts eroberten Kunststoff und das Leichtmetall Titan die Fassungsindustrie und minimierten so Gewicht und Kosten. Der Vorgänger der heutigen Gleitsichtbrille, die Bifokal-Brillengläser, wurden 1784 vom damaligen US-Präsidenten Benjamin Franklin entwickelt. Deshalb werden sie auch heute noch als Franklin-Gläser bezeichnet.

Die Erfindung der Gleitsichtbrille

Die Frage, seit wann es Gleitsichtbrillen gibt, lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Fest steht, dass in den 1950er Jahren offenbar zwei Menschen gleichzeitig unzufrieden mit der existierenden Bifokalbrille waren: Rolf Riekher vom Institut für Optik und Feinmechanik in Berlin und Bernard Maitenaz, Ingenieur bei der Société des Lunetiers in Frankreich, aus der später die Marke Essilor hervorging.

Beide meldeten im Jahr 1953 ein Patent für die Entwicklung von Gleitsichtgläsern an, die ohne den scharfen Übergang zwischen den Sehzonen auskommen sollten. 1958 stellte Maitenaz das erste Gleitsichtglas mit dem Namen Varilux vor, das bis heute für bewährte und  fortschrittliche Brillenglasqualität steht. Auch wenn Bernard Maitenaz heute meist als Erfinder der Gleitsichtgläser benannt wird, begann die Geschichte der Gleitsichtbrille also parallel und zeitgleich in zwei verschiedenen Ländern.

Ähnliche Parallelen gibt es auch in der weiteren Entwicklung. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Sehzonen fortwährend erweitert und Verzerrungen an den Rändern der Gleitsichtgläser minimiert. Die Geschichte der Gleitsichtbrille gipfelt in der Erfindung individueller Gleitsichtgläser, die genau an die Augen des Trägers angepasst werden. Offenbar waren auch die Erfinder dieser Gleitsichtgläser zeitgleich auf dem richtigen Weg: Im Jahr 2000 brachten die Hersteller Rodenstock und Carl Zeiss die Gläser auf den Markt.

Die Brille als Sonnenschutz

Die Brille zum Schutz vor der Sonne erfreute sich seit dem 18. Jahrhundert immer stärkerer Beliebtheit. Zahlreiche Originalbrillen der verschiedensten Ausführungen mit grünen, blauen, gelben und roten Gläsern sind uns aus damaliger Zeit erhalten geblieben. Vor allem in China gewann die Sonnenbrille an Geltung, hier erfreute sie sich besonders großer Beliebtheit.

Doch erst in wissenschaftlichen Arbeiten nach dem 2. Weltkrieg wurde nachhaltig bewiesen, dass Sonnenlicht neben dem sichtbaren auch unsichtbares Licht enthält: Infrarot- und Ultraviolettstrahlen. Dieser ultraviolette Wellenbereich ist für das menschliche Auge noch schädlicher als sichtbares Licht, dabei sind die Schäden jedoch unauffälliger, gleichzeitig aber langfristiger. Damit war die Notwendigkeit zum Schutz der Augen vor Infrarot- und UV-Licht erkannt und die Brillenindustrie entwickelte immer mehr wirksame Technologien zum Schutz der Augen. Die Entwicklung der Sonnenbrille gipfelte schließlich in die modernen, sogenannten "phototropen Sonnenbrillen". Deren Gläser verdunkeln oder erhellen sich automatisch - je nach Stärke des eindringenden Lichts. Heutige Sonnenbrillen haben Gläser aus Polyacryl oder Mineralglas. Diese sind in den verschiedensten Tönungsgraden und -varianten erhältlich. Eine gute Sonnenbrille schützt vor Wellenlängen von unter 400 Nanometern (UV-A, UV-B und UV-C) und reduziert den Blauanteil des Lichts zwischen 400 und 470 Nanometern.

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